Diabetes - jetzt erst recht!

"Jeder wird sich danach besser fühlen"

Sixtus Gesellschafter Philipp Lahm im Gespräch mit der sportlichen Typ1-Diabetikerin Stefanie Blockus

Philipp Lahm:  Stefanie, wann hast du die Diagnose Diabetes bekommen?
Stefanie Blockus: Ich habe 1997 die Diagnose Diabetes Typ 1 bekommen. Ich war damals mitten in der Pubertät, das war für mich ein Schlag ins Gesicht.

Philipp Lahm: Wie viel wusstest du vor deiner Diagnose bereits über die Krankheit?
Stefanie Blockus: Ich wusste nichts über die Krankheit und war völlig überfordert. Leider war ich auch in der Klinik nicht gut aufgehoben, da das Personal dort weniger Erfahrung mit Diabetes Typ 1 als mit Typ 2 gemacht hatte. So behandelte und therapierte man mich dort wie einen Typ-2-Diabetiker.

Philipp Lahm: Was riet man dir damals zum Thema Sport? Und wie bist du mit diesen Vorgaben umgegangen?
Stefanie Blockus: Damals in der Klinik sagte man mir, ich müsse als Diabetiker komplett auf Sport verzichten. Das war natürlich großer Blödsinn, was heute auch zum Glück jeder weiß, der mit Diabetes zu tun hat. Es hat nicht lange gedauert, bis ich mich diesem unsinnigen Verbot widersetzt habe. Bereits in der Klinik habe ich heimlich Laufrunden gedreht und dabei festgestellt, was diese für einen positiven Einfluss auf meine Blutzuckerwerte hatten (die ich vorher durch ebenfalls verbotene Gummibärchen ebenfalls heimlich in die Höhe getrieben hatte ;)).

Philipp Lahm: Du sagst also: Sport und Diabetes, das passt das zusammen?
Stefanie Blockus: Ja, das passt sehr gut zusammen. Wie bei einem stoffwechselgesunden Menschen auch, trägt Sport zu einem gesunden Lebensstil bei. Dennoch gibt es bei Menschen mit Diabetes einige Besonderheiten: Der Muskel verbraucht bei jeder Bewegung Glukose, damit sinkt der Blutzucker, während die Insulinempfindlichkeit steigt. Somit müssen Menschen mit Diabetes dementsprechend ihre Diabetes-Therapie anpassen, etwa ihre Insulindosis reduzieren. Einerseits macht der Sport das an sich schon anspruchsvolle Diabetes-Management somit natürlich ein wenig aufwändiger, andererseits kann man dank der Therapie-Anpassungen beim Sport gleich doppelt profitieren (siehe auch die nächste Frage).

Philipp Lahm: Welche positiven Auswirkungen hat Bewegung auf Diabetiker?
Stefanie Blockus: Sport senkt den Blutzucker, man benötigt weniger Insulin. Typ-2-Diabetiker, die Insulin spritzen müssen, haben sogar die Chance, mit Sport und bewusster Ernährung nicht mehr auf Insulin angewiesen zu sein. Wenn ein Typ-2-Diabetiker nur mit Tabletten eingestellt ist, kann er dank Sport gegebenenfalls komplett ohne Medikamente auskommen. Aber auch Typ-1-Diabetiker profitieren vom geringeren Insulinbedarf. Zum einen hat Insulin nicht nur positive Wirkungen auf den Körper. Zum anderen habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich zu hohe Werte mit Sport manchmal deutlich effektiver bezwingen lassen als mit der Korrektur durch noch mehr Insulin.

Philipp Lahm: War Sport und Bewegung schon immer ein wichtiges Thema für dich oder ist es das erst durch die Krankheit geworden?
Stefanie Blockus: Ich war schon immer ein Waldkind, habe mich gerne und viel bewegt. Der Diabetes hat mich aber darin noch bestärkt. Ich sehe Schwarz auf Weiß, was mir der Sport (nicht nur) gesundheitlich bringt.

Philipp Lahm: Was hat sich in deinem Leben als Diabetikerin durch das regelmäßige Training verändert? 
Stefanie Blockus: Einerseits wirkt sich der Sport natürlich positiv auf meine Gesundheit aus, das sehe ich an meinen Werten. Daneben schenkt er mir aber auch Kraft, Motivation, Kreativität und Selbstbewusstsein. Der Sport zeigt mir, was ich alles stemmen und erreichen kann.

Philipp Lahm: Birgt Sport mit Diabetes auch Risiken?
Stefanie Blockus: Im Sport, kann es zu Akutkomplikationen kommen, etwa zur Hypoglykämie oder zur Ketoazidose. Diese Gefahr besteht zwar auch im Alltag, im Sport kann man in diese Zustände jedoch deutlich schneller und zum Teil auch unbemerkt „reinrutschen“. Insbesondere bei an sich schon risikoreichen Sportarten muss man hier aufpassen (etwa Mountainbiking, Paragliding etc.).

Philipp Lahm: Worauf muss ein Diabetiker besonders achten – vor, während oder nach dem Sport?
Stefanie Blockus: Sport will gut geplant sein. So reduziere ich die Insulindosis je nach Ausgangswert bereits 1,5 Stunden vor Trainingsbeginn oder injiziere weniger Insulin zu den Mahlzeiten. Ich achte darauf, dass der Blutzucker vor Sportbeginn etwa bei 150-180 mg/dl bei konstanter oder steigender Tendenz liegt. Liegen meine Blutzuckerwerte höher als 240 mg/dl messe ich Ketone. Messe ich Ketonwerte höher als 1.1, betreibe ich keinen Sport. Beim Sport führe ich immer Traubenzucker bei mir. Bei länger andauerndem Training dürfen auch für mich wichtige andere Diabetes-Utensilien nicht fehlen, etwa Ersatz-Batterien für mein Blutzuckermessgerät oder Ersatz-Katheter und Insulin für meine Insulinpumpe.

Philipp Lahm: Ich habe gehört, es gibt einen sogenannten „Muskelauffülleffekt“ nach dem Training. Was ist das genau und was bedeutet das für dich als Sportler mit Diabetes?
Stefanie Blockus: Die verbesserte Insulinempfindlichkeit durch den Sport kann je nach Trainingsdauer und -Intensität noch etwa 24-36 Stunden anhalten. Das ist der so genannte Muskelauffülleffekt. In dieser Zeit sollte man häufiger den Blutzuckerwert kontrollieren und die Medikamentendosis gegebenenfalls in Absprache mit dem Arzt reduzieren.

Philipp Lahm: Für mich gibt es klare Parallelen zwischen Diabetes und Leistungssport, denn in beiden Fällen muss man lernen, stets auf den eigenen Körper zu achten und ein starkes Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse entwickeln. Dein Motto ist: „Diabetes ist Ausdauersport“. Wie kommst du zu diesem Vergleich?
Stefanie Blockus: Diabetes ist ein 24-Stunden-Job ohne Urlaub. Ich übernehme die Aufgabe eines Organs. Ich muss selbst die Dosis Insulin anhand meiner Blutzuckerwerte berechnen, die ich für meinen Alltag benötige. Kein Tag ist wie ein anderer und so ziemlich alles hat Auswirkungen auf die Blutzuckerwerte. Das erfordert Ausdauer, aber auch mentale Stärke, wenn es trotz aller Bemühungen nicht wie gewünscht hinhaut. Das Diabetesmanagement erinnert damit an sportliche Wettkämpfe, wie etwa an Marathons, die viel Ausdauer und gleichzeitig mentale Stärke erfordern.

Philipp Lahm: Wie legt man als Diabetiker am besten los, wenn Sport und Bewegung bisher noch keinen Platz im Leben hatte? Welchen Tipp hast du? 
Stefanie Blockus:
 Zunächst sollte man sich vor Beginn des Trainingsprogramms beim Arzt durchchecken lassen und sich mit dem Diabetesteam abstimmen. Natürlich sollte man langsam anfangen und den Blutzucker während des Sports stets im Auge behalten. Traubenzucker gehört auf jeden Fall in die Sporttasche. Bei längeren sportlichen Aktivitäten sollten auch die Diabetes-Medikamente, die Diabetes-Utensilien und genügend Ersatz dabei geführt werden.

„Sport und Diabetes – das passt wunderbar zusammen“

Philipp Lahm: Wie unterscheidet sich das Training eines Sportlers mit Diabetes von dem eines Sportlers ohne Diabetes?
Stefanie Blockus: Ohne Diabetes kann man mit dem Kopf zu 100% beim Sport sein, bzw. bei weniger kopflastigen Sportarten auch mal einfach das Gehirn „abschalten“. Mit Diabetes muss man einen Teil seines Verstandes immer für das Diabetes-Management reservieren (siehe zuvor).

Philipp Lahm: Benötigt ein Sportler mit Diabetes eine besondere ärztliche Betreuung?
Stefanie Blockus: Das ist individuell, abhängig davon, wie gut man sein Diabetesmanagement selbst in den Griff bekommt oder ob bereits Begleit- oder Folge-Erkrankungen vorliegen.

Philipp Lahm: Sind Diabetiker im Sport genauso leistungsfähig wie Menschen ohne Diabetes oder gibt es hier Unterschiede?
Stefanie Blockus: Prinzipiell sind Menschen mit Diabetes (nicht nur) im Sport genauso leistungsfähig wie stoffwechselgesunde Menschen auch. Allerdings müssen sie immer ihre Blutzuckerwerte dabei im Blick haben. Bei zu hohen oder niedrigen Werten ist man oftmals nicht voll leistungsfähig. Viel zu hohe oder niedrige Blutzuckerwerte können auch dazu führen, dass das Training oder gar ein Wettkampf vorzeitig beendet werden muss. Wenn die Rahmenbedingungen jedoch passen, steht dem WM-Titel nichts mehr im Weg ;).

Philipp Lahm: Du nimmst gerne auch mal an Laufveranstaltungen teil und gehst hier durchaus ambitioniert an den Start: Was sind deine Ziele? 
Stefanie Blockus: Mein Ziel ist in erster Linie das Ziel ;). Natürlich freue ich mich, wenn ich meine eigene Bestzeit unterbiete oder auf dem Siegertreppchen lande. Meist nehme ich mir so etwas jedoch nicht vor, es passiert einfach.

Philipp Lahm: Begleiten dich dabei auch Ängste? Wie gehst du damit um?
Stefanie Blockus:
Bei sportlichen Wettkämpfen ist oft Adrenalin mit im Spiel. Dieser Gegenspieler des Insulins kann die Blutzuckerwerte durcheinanderbringen. Es ist nicht immer leicht, die Werte im Zielbereich zu halten. Ich versuche mich innerlich zu beruhigen, mit Sätzen wie „Wenn es mal nicht läuft, dann ist es eben so. Das kann jeden passieren, davon geht die Welt nicht unter. Auch jeder gesunde Mensch hat mal einen schlechten Tag.“ Mittlerweile ist aber auch eine gewisse Routine eingekehrt, wobei Respekt, etwa vor der Marathonstrecke, immer noch mitläuft.

Philipp Lahm: Hast du schon mal eine „kritische Situation“ erlebt? Was ist passiert und was hast du daraus gelernt?
Stefanie Blockus: Bei einem Marathon in Bremen hat die Batterie meiner Insulinpumpe den Geist aufgegeben. Ich war mir sehr sicher, Ersatz-Batterien eingepackt zu haben. Leider Fehlanzeige. Glücklicherweise konnte mir ein Zuschauer aushelfen. Seit jeher versichere ich mich immer doppelt und dreifach, ob ich alles dabeihabe, am besten gleich in doppelter Ausführung für den Fall der Fälle.

Philipp Lahm: Für mich war es immer wichtig, die richtigen Leute an meiner Seite zu haben. Wo finde ich als Sportler mit Diabetes Unterstützung – von Experten, Gleichgesinnten, …?
Stefanie Blockus: Die IDAA ist die Vereinigung diabetischer Sportler. Auf der Webseite www.idaa.de findet man Informationen, Ansprechpartner und Hinweise auf interessante Veranstaltungen. Mir persönlich hilft zudem der direkte Austausch sehr viel weiter. In Blogs und sozialen Netzwerken aber auch auf zahlreichen Diabetes-Veranstaltungen und bei persönlichen Begegnungen tauschen und helfen wir uns regelmäßig aus.

Philipp Lahm: Auch der Partner spielt ja eine elementare Rolle: wie beeinflusst die Krankheit euren Alltag als Paar?
Stefanie Blockus: Wir versuchen, dem Diabetes nicht mehr Platz einzuräumen, als ihm zusteht. Natürlich lässt es sich nicht komplett vermeiden, dass er hier und da unsere Beziehung beeinflusst. So ist mein Mann beispielsweise häufig besorgt, wenn meine Werte mal wieder verrücktspielen und sich nicht bändigen lassen. Da man bei einer Unterzuckerung sehr dünne Nerven hat, gilt bei uns das Motto: „Alles, was ich während einer Hypo gesagt habe, habe ich nicht gesagt.“ Das ist natürlich kein Freibrief zum zickig sein ;).

„Ich bin gut beraten, mich täglich einzucremen. Und ich widme der Pflege meiner Füße besondere Aufmerksamkeit.“

Philipp Lahm: Wie offen bist du am Anfang deiner Beziehung mit deiner Krankheit umgegangen?
Stefanie Blockus: Ich habe von Anfang an mit „offenen Karten“ gespielt. Warum auch nicht, schließlich muss man sich für Diabetes nicht schämen. Dennoch habe ich den Diabetes nicht übermäßig thematisiert. Er ist nur ein Teil meines Lebens von vielen.

Philipp Lahm: Wie war die erste Reaktion deines Partners? Und wo steht er heute? 
Stefanie Blockus: Da sein Vater ebenfalls Diabetes Typ 1 hatte, ist er von Anfang an recht souverän damit umgegangen und ich musste ihm nicht viel erklären. Im Prinzip geht er manchmal besser mit meinem Diabetes um als ich selber ;). Er ist die einzige Person, der ich mein Diabetes-Management anvertrauen würde.

Philipp Lahm: Wie kann dein Partner dich beim Umgang mit deiner Krankheit unterstützen?
Stefanie Blockus: Da mein Mann an Technik interessiert ist, ist er stets auf dem Laufenden, was es an neuen Entwicklungen im Bereich Diabetes-Technologie gibt und hilft mir, von diesen zu profitieren. Wichtiger ist jedoch seine Rolle als Ruhepol. Wenn ich auf Grund des Diabetes (oder anderer Dinge) die Nerven verliere, hilft er mir dabei, zurück auf den Boden zu kommen und die Werte wieder in den Griff zu bekommen. Auch praktisch: Er hilft mir dabei, Insulinpumpe und Sensor an Stellen zu setzen, die ich selber nicht erreiche.

Philipp Lahm: Pflege war für mich als Sportler immer ein zentrales Thema – und ist für Diabetiker aufgrund ihrer besonders trockenen und empfindlichen Haut gleich nochmal essentieller. Wie ist das bei dir?
Stefanie Blockus: Auch ich habe eher trockene Haut, aber das hatte ich auch schon vor meiner Diabetes-Diagnose. Pflaster von Sensoren und Kathetern, die auf meinem Körper kleben, reizen die Haut jetzt jedoch zusätzlich. Deswegen bin ich gut damit beraten, mich täglich einzucremen. Auch das diabetische Fußsyndrom, das zu den schwerwiegendsten Folge-Erkrankungen von Diabetes gehört, habe ich im Hinterkopf und widme deshalb der Pflege meiner Füße besondere Aufmerksamkeit.

Philipp Lahm: Worauf achtest du bei der Wahl deiner Körperpflege-Produkte?
Stefanie Blockus: Ich nehme gerne natürliche Produkte, die speziell für die trockene Haut von Diabetikern geeignet sind. Ich kaufe sie bei Diabetes-Fachhändlern oder auch in der Apotheke. Hier bekomme ich wirkungsvolle Spezialprodukte und fühle mich gut beraten.

Philipp Lahm: In Herbst und Winter fällt es manchmal schwer, sich aufzuraffen und sich zu bewegen. Was ist dein „Erfolgsrezept“? 
Stefanie Blockus: Ich habe Sport fest in meinem Alltag integriert. Sport gehört dazu, wie das tägliche Zähneputzen. Meine Sportklamotten liegen immer parat und ich starte mein erstes Training gleich morgens vor der Arbeit, um gutgelaunt, energiegeladen und mit stabilen Blutzuckerwerten den Tag zu beginnen. Ich arbeite auch als Trainer, so dass ich auch zu festen Zeiten meinen Kursen im Fitnessstudio nachgehe. Mir macht es einfach Spaß und wenn ich mich wirklich mal gar nicht motivieren kann, dann ist das auch mal okay oder ich rufe mir das Gefühl zurück ins Gedächtnis, das ich nach dem Sport verspüre.

Philipp Lahm: Mit welchem Aufruf würdest du einen Diabetiker motivieren, der sich bisher noch nicht für Sport und Bewegung begeistern konnte? 
Stefanie Blockus: Mein Motto: Nicht reden, machen ;). An die Hand nehmen und direkt zeigen, wie viel Spaß Bewegung macht und wie positiv sich der Sport unmittelbar auf die Blutzuckerwerte auswirkt. Dazu reicht für Anfänger schon ein etwas zügiger Spaziergang aus. Ich bin mir sicher: Jeder wird sich danach besser fühlen und wenn man regelmäßig dabeibleibt, wird man auf Dauer seine Medikamente bzw. die Insulindosis reduzieren können. Wenn das nicht motiviert, dann weiß ich auch nicht :).

Philipp Lahm: Liebe Stefanie, vielen Dank für eine Zeit, dein Engagement und das interessante Gespräch!

Weitere Informationen zur Sixtus Kampagne „Diabetes – jetzt erst recht“:

„Jeder wird sich danach besser fühlen.“

Sixtus MED Diabetiker

Das natürliche Pflegeprogramm für die besonderes Bedürfnisse diabetischer Haut.